


Lilo Hagen




Laudatio
von Manuel Maria Berger
Der Schriftsteller Ambrose Bierce hat einmal gesagt: „Die Laudatio ist das Preisen eines Menschen, der den Vorzug des Reichtums oder der Macht besitzt oder die Freundlichkeit tot zu sein“.
Im heutigen Fall trifft nichts davon zu und genau das hat mich gelockt diese Aufgabe zu übernehmen. Die Aufgabe Ihnen und mir und natürlich auch dir, Liebe Lilo, zu erklären, was genau Lilo Hagen eigentlich macht.
Es gibt die Geschichte einer alten Dame aus dem Felsenland, die sich einmal darüber beklagte, dass es zwei Lilo Hagens gibt. Die eine, die nette Märchen schreibt und die andere, die bissige Artikel in der Zeitung verfasst.
Die tiefere Wahrheit dahinter ist mir erst weit später bewusst geworden. Denn ja, die Ambivalenz beschreibt sie sehr gut.
Während sie in Märchen denkt und schreibt, Biographien verfasst, Waffelbücher kreiert und in der Kunst tief verwurzelt scheint, bohrt sie genau aus dieser Kunst spitzfedrig immer mit dem Finger in der Wunde.
Nicht nur, aber sicher besonders bei den ewig Gestrigen mit der „Pater-
Der Bürgermeister Ihres heutigen Wohnortes Ludwigswinkel bezeichnete sie einst sogar als „Nahnervig“ und sicher, manchmal ist sie das.
Doch fern ab der rasenden Reporterin, Künstlerin und Photographin steckt in der Lilo Hagen noch eine ganz andere Seite. Eine Mutter, die ihre Kinder als größte Inspiration bezeichnet.
„Erst heute habe ich erkannt, dass meine Kinder, als sie noch klein waren, immer viel klüger, weiser und vernünftiger dachten und urteilten als die Erwachsenen um sie herum,“ sagte sie einst. (Aber du hast ja auch zwei sehr tolle Kinder)
Und irgendwo zwischen dem Dasein als schlanke Alice Schwarzer, Schreibkünstlerin und Mutter führt sie ihr wahnsinniges Leben.
Ein Wahnsinnsleben eben. Und da laufen die Stricke nun zusammen. Lilo Hagens Schaffen beschreibt sich am besten durch ihre Kunst. Eine Kunst, die wir heute wieder bestaunen dürfen.
„Wahnsinnsleben“ ist keine Abrechnung mit wem oder was auch immer – „Wahnsinnsleben“ ist die Essenz dessen, was das Leben für jeden von uns bereit hält.
Es ist eine Ausstellung so widersprüchlich wie Lilos Schaffen, ja so widersprüchlich wie das Leben selbst. Irgendwo zwischen Realität und Gottvertrauen. Zwischen Endlichkeit und Zukunftsglaube. Wir lassen uns nach der Ausstellung „Menschenbilder“ gerne wieder von dir entführen.
So wie die Laudatio mit einem Zitat begann, so soll sie auch enden. Der Historiker Thomas Carlyle schrieb einst: „Die Zeit ist schlecht? Wohlan. Du bist da, sie besser zu machen.“ Ich glaube genau das macht unsere Lilo Hagen.



Pirmasenser Zeitung vom 8. November 2011
Mal Mutter, mal Alice Schwarzer
„Wahnsinnsleben” -
von Franz Josef Majer
Wahnsinnig aufregend, wahnsinnig schön, wahnsinnig traurig, wahnsinnig wahnsinnig!
Das Leben kann so viel sein -
„Es ist die Essenz dessen, was ich in den letzten drei Jahren erlebt habe”, sagt
Lilo Hagen. Es muss eine Achterbahnfahrt der Gefühle gewesen sein, wenn man sich
die Bilder betrachtet. Von himmelhoch jauchzend bis tief betrübt sind die kurzen
Gedanken und Aphorismen, die die Autorin, die seit etlichen Jahren für die PZ aus
dem Dahner Felsenland berichtet, zu Papier gebracht und mit beeindruckenden Fotos
unterlegt hat.
„Kein Alptraum kann so schrecklich sein wie die Realität, die sich Menschen erschaffen”,
ist unter einem Bild zu lesen, das eine Bahnlinie zeigt, die durch Dahn in die Unendlichkeit
des Wasgaus führt. Trotz der Schönheit kommt dem Betrachter die Rampe eine Konzentrationslagers
in den Sinn, die nicht in der Idylle, sondern im Tod endete.
Lilo Hagen arbeitet mit Gegensätzen. Das Schloss Neuschwanstein wird für sie zum
Mahnmal dafür, dass „der Überfluss von heute der Müll von Morgen” ist. Der Blick
in das Stahlgewirr des Eiffelturms lässt sie darüber sinnieren, „ob man sich gerade
im Keller oder im Penthaus des Lebens befindet.”
Zum Foto, das ihren Hund im Schnee zeigt, fällt ihr ein, dass es „manchmal klüger
ist, sich dumm zu stellen”. Lilo Hagens Lieblingsbild zeigt ihre Kinder Dariush
und Shirin. „Menschen sind Bilder in meinem Herzen, die ein guter Geist mich malen
ließ”, schreibt sie dazu. Es ist ein Beweis dafür, dass in der Reporterin, Künstlerin
und Fotografin noch eine andere Seite steckt -
Eigentlich gebe es zwei Lilo Hagen, meinte Berger. Die eine schreibe nette Märchen, die andere verfasse bissige Zeitungsartikel. Irgendwo zwischen dem Dasein als Alice Schwarzer, Schreibkünstlerin und Mutter führe sie ihr Wahnsinnsleben. Als „nahnervig” habe sie einmal eine Bürgermeisterin bezeichnet.Es sind diese Widersprüche in der Person Lilo Hagen, die in den Bildern und Texten ihren Niederschlag finden. Am Ende, nach dem Gang durch die Ausstellung, fragt sich der Betrachter, wo er diese Frau nun wirklich einordnen soll? Wenn überhaupt, dann findet er eine Antwort in dem Zitat von Thomas Carlyle, das Berger an den Schluss seiner Ausführungen stellte: „Die Zeit ist schlecht? Wohlan. Du bist da, sie besser zu machen.”
RHEINPFALZ vom 12. November 2011
Fotos und Texte aus „Wahnsinnsleben”
Lilo Hagen stellt in „Werkstatt” in Erfweiler aus
von Klaus Kadel
„Wahnsinnsleben” ist der Titel der neuen Ausstellung in der Erfweiler Galerie „Die
Werkstatt”. Wer jedoch eine aufregende oder sonst überdrehte Ausstellung erwartet,
der wird von der Ludwigswinklerin Lilo Hagen eines Besseren belehrt. Das „Wahnsinnsleben”
findet Hagen in beschaulichen und idyllischen Aufnahmen der Region, so wie sie ist.
Die Konzeption der Ausstellung ist einfach und bietet einen großen Spielraum: Man
nehme Fotos und kombiniere diese mit Texten. Das hat Hagen in der Erfweiler Werkstatt
sehr ausgiebig gemacht. Nicht nur die drei Dutzend an den Wänden hängenden Fotos
sind zu sehen, sondern über Endlosschleife auch auf drei Computern weitere Gedanken,
Impressionen der Ludwigswinklerin. Und auf einem Tisch liegt ein Heft mit noch weiteren
Foto-
Hagen formuliert selbst einen hohen Anspruch an die künstlerische Tätigkeit, wie
sie in der Ausstellung auf einem Bild verrät: „Von Kunst brauchst Du mir nichts vorzuschwärmen,
wenn Du nur die Blüten kennst und nie in tiefer, dunkler Erde nach Wurzeln gegraben
hast.”
Die Fotos an den Wänden, im Computer und Heft glaubt der Betrachter wiederzuerkennen.
Häuser, Brunnen, Felder und Bäume der näheren Region wurden von Hagen mit besonderem
Ausschnitt gewählt. Der Zusammenhang zum dazu eingeblendeten Text erschließt sich
nicht sofort, muss erst gesucht werden. Eine in Zeiten von Computerbildbearbeitung
inzwischen sehr beliebte Art, einen Text mit einem Foto aufzuwerten oder einem Foto
durch einen Text eine bestimmte Richtung zu geben. Die meisten nehmen jedoch fremde
Zitate, was bei Hagen nicht der Fall ist. Die Fotografin, Journalistin, Kolumnistin
und Märchenerzählerin hat genug eigenes Geschriebenes, das präsentiert werden kann.
Der Vergleich zwischen den Bildern an den Wänden mit integriertem Text und der Mappe,
bei der Text und Bild getrennt auf zwei Seiten zu finden sind, zeigt jedoch auch,
dass die Trennung ein Vorteil sein kann. Die Bilder wirken ohne Text viel intensiver.
Mit den vielen Aphorismen präsentiert sich Lilo Hagen als eine Frau, die humorvoll,
manchmal beißend ironisch und mit Hintersinn die Welt um sich kommentiert und interpretiert.
Eine Welt, die sie offenbar gelegentlich auch mal verzweifeln lässt: „Ehrlosigkeit,
Untreue, Rücksichtslosigkeit und Gewalt scheinen Tugenden in dieser mir fremden Welt
zu sein”, steht beispielsweise auf einem der Blätter.


